Eckhart Tolle – Kostbar ist dieser Moment

’Zeit ist kostbar’, sagen wir. Und wir glauben, von dieser Zeit heute
Abend 90 Minuten gleichsam zu investieren,“ sagt Eckhart Tolle und
lächelt verschmitzt. „Doch schauen wir genauer hin, existiert Zeit gar
nicht. Es ist immer nur Jetzt. Jetzt sind diese Worte zu hören, jetzt
spüre ich Lebendigkeit im Körper. Vergangenheit und Zukunft gibt es
nur in unseren Gedanken – wie bin ich hierher gekommen, was mache
ich später? Doch auch diese Gedanken tauchen jetzt auf. Alles, das
Leben selbst, ist immer Jetzt, nur jetzt. Eigentlich ganz einfach. Dennoch scheinen wir alle von der Zeit beherrscht zu sein. Von dieser
Zeitlinie, die sich angeblich von der Vergangenheit in die Zukunft
erstreckt. Warum geschieht es so selten, dass wir durch diese
illusionäre Oberfläche vertikal in die Tiefe der Gegenwärtigkeit
vorstoßen?
Das hat damit zu tun, dass das Jetzt nicht Teil der Zeitlinie ist. Es ist
jenseits von Zeit. Mit dem Verstand, durch Gedanken können wir das
nicht erfassen. Die Zeitlosigkeit offenbart sich, wenn keine Gedanken
da sind. Sie ist unser wahres Wesen, die Stille tief in unserem Inneren. Reine Präsenz oder Gegenwärtig ist zwar immer, in jedem Moment da,
doch um sie bewusst wahrzunehmen, muss zunächst einmal die
Vergangenheit losgelassen werden. Doch wer sind wir ohne
Vergangenheit? Was immer wir über uns als Person wissen, denken
oder sagen können, beruht auf vergangenen Erfahrungen. Ohne
Vergangenheit sind wir niemand, nichts. Und das ist für das Ich
unerträglich. Es braucht die Geschichte, viele Geschichten, um sich
selbst bestätigen zu können. Diese Worte werden natürlich verstanden, sie machen Sinn. Doch ob
sie den Schleier der Zeit und des Ichs durchdringen oder gar zerreißen
können, ist eine andere Frage. Das Bewusstsein der Gegenwart ist
unabhängig von Worten und ihrer Bedeutung. Es ist wie ein
unendlicher Raum, in dem die Formen, die ganze Welt und wir selbst
als Personen erscheinen. Still und unveränderlich lässt es uns da sein, denken, fühlen und agieren, doch wir können es nicht durch Gedanken
oder sonst wie dazu bewegen, gleichsam aus dem Hintergrund
hervorzutreten und uns den unerschütterlichen Frieden des zeitlosen
Jetzt erleben zu erlassen. Manchmal geschieht das durch Situationen,die wir uns am aller  wenigsten wünschen: Ein lieber Freund ist gestorben, oder der Arzt
teilt uns mit, dass wir nur noch wenige Wochen zu leben haben. Verlust, Schmerz und Trauer können eine Tür zur Ewigkeit sein. Denn
solche Erfahrungen nehmen etwas weg, was uns die Sicht in die Tiefe
des Seins versperrte. Doch die Erkenntnis des Jetzt muss nicht mit
einem schmerzlichen Verlust und der damit einhergehenden Erfahrung
der Leere verbunden sein. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es
nicht um das intellektuelle Verstehen dieser Worte geht, sondern
vielmehr darum, auf die Stille zu achten, aus der heraus die Worte
kommen und in die sie wieder verschwinden.“