Gebt den Kindern Liebe von Astrid Lindgren

Astrid Lindgren antwortet auf einen Artikel von Ewa Sällberg in der Zeitschrift Husmodern 1946:

Alles neu auf Erden ist,
wie ihr wisst,
für ein armes kleines Wurm,
das ganz frisch im Lebenssturm.
Daher ist es auch nicht so einfach, ein armes kleines Wurm zu sein. Die Welt ist so voller unbekannter, erschreckender Dinge, und das Einzige, worauf das arme kleine Wurm sich verlassen kann, sind die Erwachsenen, die schon so lange gelebt haben und so viel wissen. Es müsste ihre Sache sein, um das kleine Wurm herum eine Welt aus Geborgenheit, Wärme und Liebe zu erschaffen. Aber tun sie das? Allzu selten, scheint mir. Wahrscheinlich haben sie keine Zeit! Sie sind zu sehr damit beschäftigt, das kleine Wurm zu erziehen. Sie erziehen es hartnäckig von morgens bis abends, es ist ihnen verzweifelt wichtig, dass es schon von Anfang an wie ein Erwachsener auftreten soll. Denn dieses „Kind sein“, das ist offenbar eine sehr hässliche Charaktereigenschaft, die mit allen Mitteln bekämpft werden muss.
In einem Artikel in Husmodern Nr. 11 äußert sich Ewa Sällberg voller Verachtung über die BÜCHER, damit meint sie Bücher über Kinderpsychologie. Wenn man diesen Artikel liest, entsteht die Vorstellung, dass die meisten bedauernswerten Eltern hierzulande voller Angst und Reue über den BÜCHERN sitzen, mit dem Ergebnis, dass sie anschließend im Kampf mit den Kindern ››an Händen und Füßen gefesselt sind‹‹, worauf die Kinder sofort die Macht ergreifen, sich weigern, mit der rechten Hand zu grüßen, und sich in jeder Beziehung unpassend benehmen. Ewa Sällberg rät den Eltern daher, sich mehr auf ihren Instinkt zu verlassen und weniger auf die BÜCHER. Ich glaube, dieser Rat ist ziemlich unnötig. Leider dürfte es eine kleine Minderheit aller Eltern sein, die tatsächlich glaubt, irgendeine Art von Anleitung zu benötigen. Die meisten tun das, was Erzieher zu allen Zeiten getan haben – sie verlassen sich auf ihren Instinkt. Ich muss gestehen, dass ich bisher sehr selten diese unglücklichen, unterjochten Eltern angetroffen habe, die Ewa Sällberg schildert, diese von der ››freien Erziehung‹‹ gepeinigten Sklaven. Vielmehr sehe ich ringsum lauter Eltern, die dem viel gepriesenen Instinkt folgen. Das aktuellste Beispiel sah ich vor kurzem auf der Kungsgatan. Eine Mutter kam mit ihrem kleinen Jungen anspaziert, mit einem kleinen Wurm, das ››selbst ganz neu auf Erden war‹‹ und all das Erstaunliche, das es umgab, untersuchen wollte. Der Kleine machte vor einem Schaufenster Halt und wollte dort ein Weilchen stehen bleiben. Es muss der Instinkt gewesen sein, der dieser Mutter die folgenden Worte eingab: ››Wenn du nicht jetzt sofort kommst, lass ich dich hier stehen und kehre nie wieder. Und dann kommt die Polizei und holt dich!‹‹ Ich glaube kaum, dass sie das gesagt hätte, wenn sie die BÜCHER gelesen hätte. Dann hätte sie gewusst, was die erste Voraussetzung ist, wenn man ein harmonisches (= wohlerzogenes) Kind haben will – man muss dafür sorgen, dass das Kind sich geborgen fühlt. (Was für ein Glück, dass Kinder ziemlich schnell dahinter kommen, was für einen Unsinn die Erwachsenen daherreden und wie wenig ihre Drohungen wert sind, sonst würden die Ängste in den Kinderseelen kein Ende nehmen.) (. . .)
Wenn es den Kindern heutzutage an Manieren fehlt, dann ist nicht die ››freie Erziehung‹‹ daran schuld! Eine freie Erziehung schließt nicht aus, dass man Festigkeit zeigt. Sie schließt auch nicht aus, dass die Kinder ihren Eltern Zuneigung und Achtung entgegenbringen, und – das Wichtigste von allem – sie bedeutet, dass die Eltern auch vor ihren Kindern Achtung haben. Achtung vor den Kindern, das sollten die Erwachsenen in größerem Maße zeigen. (. . .) Behandelt eure Kinder mit ungefähr der gleichen Rücksicht, die ihr wohl oder übel euren erwachsenen Mitmenschen zeigt. Schenkt den Kindern Liebe, mehr Liebe und noch mehr Liebe, dann kommen die Manieren von allein.

ASTRID LINDGREN