Wie Hanuman seinen Namen bekam ?

Nach einer Geschichte aus dem Ramayana

Als Kind wurde Shri Hanuman „Anjaneya“ genannt, „Anjanas Sohn“.
Dies ist die Geschichte seines ersten Abenteuers, und wie es schließlich
dazu kam, dass er als Shri Hanuman berühmt wurde.
Anjaneya erbte von seinen Eltern Anjana und Kesari große Stärke und
Entschlossenheit. Vayu, der Herrscher der Lüfte und Atem der Welt, liebte
ihn wie einen Sohn und wusste, dass er eine große Bestimmung zu
erfüllen hatte. Vayu hatte einige seiner überirdischen Kräfte an Anjaneya
weitergegeben Surya, der Sonnengott, blickte verwundert und etwas besorgt auf dieses
Affenkind, welches mit großer Geschwindigkeit auf ihn zukam.
„Indra”, schrie er zum König des Himmels, „ich brauche deine Hilfe!”
Indra, der gerade friedlich in seinen Gärten spazieren ging, hörte Suryas
Hilferuf und wurde neugierig: „Welche Hilfe könnte Surya wohl
benötigen?”, dachte er. „Er kann doch alles, was ihm nahe kommt,
verbrennen.” So rief er sein Reittier, den großen weißen Elefant Airavata,
zu sich, bestieg es und flog Richtung Sonne.
Voller Erstaunen darüber, dass ein Affenkind die Absicht hatte, die Sonne
vom Himmel zu pflücken, rief Indra laut: „Halt! Wer bist du? Und was
denkst du, was du da machst?”


Anjaneya setze seinen Flug Richtung Sonne unbeirrt mit dem Kopf voran
fort und rief: „Ich bin Anjaneya, der Sohn von Kesari und Anjana. Und ich
will diese wunderschöne, goldene Frucht essen.”
Im ersten Moment amüsiert erwiderte Indra: „Was meinst du? Das ist
doch keine Frucht! Das ist Surya, der alles Licht und Leben auf diese Erde
bringt. Kehre sofort in dein Zuhause auf der Erde zurück.”
Vollkommen auf sein Ziel fixiert ignorierte Anjaneya Indra und streckte
die Hände der Sonne entgegen. Die Hitze konnte ihm nichts anhaben. Nun
wurde Indra besorgt. Das Gleichgewicht des Himmels war in Gefahr.
Ohne Bedenken schleuderte er seinen großen Donnerkeil Vajra
unmittelbar auf Anjaneya und traf ihn damit am Kiefer. Anjaneya begann
zu trudeln und verlor von der Kraft des Schlages das Bewusstsein. Er
wirbelte tiefer, tiefer und noch tiefer auf die Erde, landete auf dem
Wüstenboden und blieb ohnmächtig dort liegen.
Einer Eingebung folgend begab sich Vayu, der Herrscher des Windes, in
die Wüste und fand nach kurzem das verletzte Kind. Sofort erkannte er
das unverkennbare Zeichen Indras, welches der Donnerkeil auf Anjaneyas
Gesicht hinterlassen hatte. Er ballte er seine Faust Richtung Himmel und
rief voller Wut: „Indra, ich erkenne deine Spur auf dem Kinn dieses
Jungen. Wie kannst du es nur wagen, mein geliebtes Kind anzugreifen?
Weißt du denn nicht, wer das ist? Ich werde diese Erde verlassen und nie
mehr wieder zurückkehren!”
Weinend nahm Vayu behutsam die schlaffe Gestalt Anjaneyas in seine
Arme. Er rief jeden Hauch und Luftstrom zu sich und flog nach
Patalaloka, dem Reich unter der Erde. Dort bereitete er aus Blättern und
weichem Gras ein Bett, bettete Anjaneya darauf, hielt seine Hand und
sang heilende Gesänge.
Kaum war Vayu fort, regte sich auf der Erde kein Lüftchen mehr. Kein
Blätterrascheln auf den Bäumen. Kein Wehen in den Reisfeldern. Kein
Wasserkräuseln auf den Flüssen und Seen. Die Luft war stickig und
abgestanden. Es gab weder Regen noch Wolken. Die Pflanzen verdorrten.
Feuer flackerte kurz auf und verlosch wieder. Die Tiere legten sich da zu
Boden, wo sie gerade waren, zu erschöpft, um zu fressen. Die Menschen
rangen nach Luft.
Beunruhigt beobachtete Brahma, der Schöpfer, die Lage auf der Erde. Er
rief alle Götter zu einer Versammlung zusammen: Vishnu, den Beschützer
und Erhalter, Surya, den Herrscher der Sonne, und Indra den Herrscher
des Himmels.
„Indra, du hast vorschnell gehandelt”, sagte er mit Nachdruck. „Du
hättest ihm gut zureden können anstatt Gewalt anzuwenden. Er ist noch
ein Kind!”
„Ja, und er hat eine wichtige Aufgabe zu erfüllen“, sagte Vishnu. „In
diesem Weltzeitalter bin ich als Rama, der Prinz von Ayodhya, auf die
Welt gekommen. Dieses Kind wird mir bei meinem Auftrag helfen, wieder
Licht auf die Erde zu bringen.”
Noch einmal sprach Brahma: „Lasst uns zu Vayu gehen. Indra kann mit
ihm Frieden schließen und wir alle können dem göttlichen Kind unseren
Segen schenken.”
In Gedankenschnelle standen Brahma und die Götter vor der Höhle in
Patalaloka, in der Vayu mit Anjaneya saß.
„Oh großer Herrscher des Windes, wir sind mit der Absicht gekommen,
alles wiedergutzumachen und bitten dich eindringlich, der Erde deinen
Segen wieder zu gewähren. Bitte lass mich das Kind heilen!”, sagte
Brahma voller Gefühl.
Mit tränenüberströmtem Gesicht kam Vayu aus der Höhle und sah die
Versammlung misstrauisch an.
„Es tut mir so leid, dass ich das Kind angegriffen habe“, sagte Indra aus
vollem Herzen.
Vayu blickte Indra ohne zu sprechen ernst an. Mit einem leichten
Kopfnicken gab er zu verstehen, dass sie eintreten dürften.


Brahma stand zu Füßen des bewusstlosen Kindes, hielt seine gewaltigen
Arme über ihn, umhüllte ihn mit seinen Kräften und sprach: „Vom
heutigen Tage an wird dich keine Waffe jemals mehr verletzen. Dein
Körper wird so stark und unverwundbar wie der Donnerkeil sein. Zudem
wirst du die Fähigkeit haben, die Gestalt deines Körpers beliebig zu
verändern und mit Leichtigkeit an jeden Ort zu reisen, den du dir
wünschst.”
Anjaneya öffnete die Augen, richtete sich auf und blickte neugierig in die
Runde. Sein Körper war kräftiger als je zuvor, aber an seinem Kiefer
konnte man immer noch die Spur von Indras Donnerkeil erkennen.
Brahma lächelt ihn liebevoll an und sagte: „Du wirst von nun an als Shri
Hanuman bekannt sein, der mit dem gebrochenen Kiefer.”
„Shri Hanuman”, sagte Vayu lächelnd. „Das ist ein guter Name.”
„Es tut mir leid, dass ich dich getroffen habe”, sagte Indra. „Vom heutigen
Tage an wirst du so lange leben, wie es dir gefällt. Du bist von nun an
chiranjiva, unsterblich.”
Dann trat Vishnu auf das Kind zu, berührte es sanft am Herzen und
entzündete dabei eine Flamme, die niemals ausgehen würde. „Du wirst
ein großer Anhänger Gottes sein”, sagte er liebevoll.
Als letzter trat Surya vor, fasste Hanumans Hände und sprach: „Du bist
jung, Hanuman, und musst noch viel lernen. Ich werde dein Lehrer sein.
Ich werde dir all mein Wissen und meine Weisheit weitergeben.”
„Vielen Dank, Surya. Bitte verzeih mir. Ich hielt dich, das große Licht
dieser Erde, irrtümlich für eine Frucht. Es wird mir eine Ehre sein, dein
Schüler zu sein, und ich kann es kaum erwarten, mir dein Wissen
einzuverleiben”, sagte Hanuman mit verschmitztem Lächeln.
Alle lachten. „Ich danke euch, ihr großen Götter, für eure
Segenswünsche”, sagte Vayu. „Lasst uns zur Erde zurückkehren und sie
nähren. Ich lade euch alle zu einem großen Freudenfest ein.”
Schnell wie der Wind kehrten die Götter und Shri Hanuman in den Wald
zurück. Anjana und Kesari waren überglücklich, ihren Sohn
wiederzusehen. Als die Sonne am westlichen Himmel unterging und allen
Gesichtern ein goldenes Leuchten verlieh, erfreuten sich alle an einem
Festmahl aus süßen Früchten, Nektar, reifen Nüssen und Samen.
Am nächsten Tag begann Shri Hanuman unter der Führung von Surya
seine Reise zur Weisheit. Jeden Tag wurde er stärker und weiser. Bald
schon würde er soweit sein, sein Schicksal zu erfüllen und Rama zu
dienen.

***
Das Ramayana ist ein episches Gedicht und wurde vom Weisen Valmiki verfasst.
Es erzählt die Geschichte von Rama, einer Inkarnation Vishnus. Zusammen mit
dem Mahabharata ist es eines der größten Werke der indischen Literatur.